Vielschichtig

Wen sehen Sie, wenn Sie Ihre äußerste Schicht ablegen? Und die darunter? Und wen erwarten Sie, wenn nur noch die letzte Schicht übrig ist?

Dieser Frage sieht sich Peer Gynt, Protagonist des gleichnamigen Dramas von Henrik Ibsen ausgesetzt. Am Ende eines langen Lebens, das ihn, geprägt von Lügen, Schwindel und allerlei Fantastereien, immer mehr von sich entfremdet hat, arbeitet er sich zum Kern seiner Existenz vor. Dabei zieht er eine Parallele zu einem bekannten Gemüse:

„Noch immer das alte Geliebel!
Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel.
Jetzt will ich dich einmal schälen, mein Peer!
Es hilft dir nichts, stöhnst du auch noch so sehr.“

Der berühmte und vielfach interpretierte Zwiebelmonolog legt sie offen, die Frage nach dem wahren Selbst. Kaum eine andere Pflanze kann von sich behaupten, Gegenstand einer derart tiefgründigen Metapher zu sein.

Die Zwiebel ist kultiviert – und das gleich in zweifacher Hinsicht: Seit über 5.000 Jahren baut die Menschheit das auf den ersten Blick unscheinbare Gewächs als Speise- und Heilpflanze an. Obwohl man sich über ihren genauen Ursprung bis heute im Unklaren ist, wird davon ausgegangen, dass sie aus dem mittel- oder ostasiatischen Raum stammt.

Weit über die gewöhnliche Nutzung hinaus diente sie den alten Ägyptern: Diese opferten die Zwiebel ihren Göttern und gaben sie ihren Toten mit auf den Weg ins Jenseits. Im römischen Reich haftete der Zwiebel keine solche rituelle Bedeutung an. Stattdessen galt sie vor allem den Ärmeren als Grundnahrungsmittel. Die Römer waren es schließlich auch, die die Zwiebel auf ihren Feldzügen in unseren Kreisen verbreiteten.

Ob Lauchzwiebel, Rote Zwiebel, Schalotte oder kleine Perlzwiebel – seither ist sie aus unseren Rezepten und Küchen nicht mehr wegzudenken. Eine besondere Gaumenfreude bietet die Zwiebel dabei in karamellisierter Form – schonend gegart in Butter verwandelt sich die beißende Knolle in eine goldbraune, süße Delikatesse, die ihrem Gericht einen wahrhaft vielschichtigen Geschmack verleiht.

Nicht ganz selbstverständlich für solche Leckerbissen: Die Zwiebel ist auch noch gesund. So versorgt sie uns mit ätherischen Ölen, Vitamin A, B, C und E sowie Magnesium und Kalium. Ihr Genuss verspricht einen guten Einfluss auf den Blutdruck sowie die Magensäure und wirkt auf unseren Körper harntreibend und antibiotisch.

Auch in der Volksmedizin hat sich die Pflanze, die zur Familie der Lauche gehört, einen Namen gemacht. Wer an einer Erkältung leidet, dem sei ein Hustensaft aus Zwiebeln und Honig empfohlen. Ebenso kann es helfen, sich nachts eine aufgeschnittene Zwiebel auf den Nachttisch zu legen, um die Atemwege zu befreien.

Bei Ohrenschmerzen wirkt ein äußerlich auf das Ohr gelegte Zwiebelsäckchen wahre Wunder. Und die Schmerzen infolge eines Bienen- oder Wespenstiches lindert man bekanntlich am besten mit einer auf der betroffenen Stelle geriebenen Zwiebelhälfte: Sie kühlt und beugt Entzündungen vor.

Um jedoch zum Kern der Zwiebel zurückzukommen: Das metaphorische ´Schälen´, die Auseinandersetzung mit sich selbst, kann ganz schön aufwühlend sein und einem – typisch Zwiebel – mitunter auch eine Träne entlocken.

Ursache der Tränen ist, jedenfalls beim Schneiden der Zwiebel, übrigens die gasförmige Folge einer chemischen Reaktion, bei der freigesetzte Enzyme mit Schwefelverbindungen reagieren. Das geschieht, wenn Zwiebelzellen beschädigt werden, und führt zu einer Reizung unserer Schleimhäute. Ganz nach dem Vorbild unseres körperlichen Schutzmechanismus hilft hiergegen am besten Wasser: Indem man die Zwiebel und das – möglichst scharfe – Messer vor und während des Schneidens regelmäßig abspült, verhindert man die Bildung des Gases. Alternativ soll auch das Rausstrecken der Zunge beim Schnippeln Abhilfe schaffen.

Mit diesen Tipps sind zwar längst nicht alle Tränen abgedeckt, aber möglicherweise konnten wir dennoch Ihren Appetit anregen und Sie ermutigen: Versuchen Sie ruhig, ein paar Schichten hinter sich zu lassen und sich selbst im neuen Jahr etwas näher zu kommen.

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Keine Selbstfindungsreise, aber dennoch einen Ausflug wert: Unsere Kräuterwanderungen.

Und darf es noch ein bisschen Wissen auf den Weg sein?